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Lese-Tipp!

 

Die großen Streiks

Episoden aus dem Klassenkampf

Holger Marcks und Matthias Seiffert (Hg.)

Die großen Streiks umfasst eine Reihe von bedeutenden und kämpferischen Streiks des 20. Jahrhunderts, die weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Vom einfachen Lohnkampf bis zum Generalstreik, vom Erfolg auf ganzer Linie bis zum totalen Fiasko.

Alle AutorInnen sind entweder aktive GewerkschafterInnen (SyndikalistInnen), Angehörige der libertären Bewegung oder stehen dieser nahe. Die in den jeweiligen Beiträgen gelieferte Perspektive baut somit unmittelbar auf deren praktischen und theoretischen (Erfahrungs-)Horizont auf. Weiterlesen...

 

Klassenkampf im Iran

 

Folgender Beitrag versucht einerseits die Mythen um die „islamische Revolution“ im Iran und die Entstehung des Mullah-Regimes zu beleuchten. Zum anderen wollen wir die aktuellen Proteste aus der Sicht revolutionärer ArbeiterInnen betrachten.
 
Religiöser Fundamentalismus, egal ob christlicher, muslimischer, hinduistischer oder anderer Schattierung bedarf einer genaueren Betrachtung, da er in den letzten Jahren zunehmend zu einem „global player“ wurde. Auf der einen Seite sind JournalistInnen und KriegstreiberInnen schnell bei der Sache, sämtliche Kriege im ehemaligen Jugoslawien, Sudan, Tschetschenien, Nahen Osten und Afghanistan als „Kreuzzüge“ gegen die Muslime oder als „Dschihad“ gegen Christen oder Muslime zu betrachten. Auf der anderen Seite sind viele religiöse ArbeiterInnen, welche die Hauptlast dieser Kriege, vor allem in Afghanistan und Irak, getragen haben, dem Irrtum unterlegen, dass sie von ihren eigenen theokratischen Regimes vor den „westlichen Aggressoren“ beschützt werden. Die Debatte über den angeblichen „revolutionären Charakter“ mancher religiös fundamentalistischer Regime ähnelt der Debatte um den „Befreienden Charakter“ von nationalen Befreiungsarmeen.
 
Das Verhältnis zwischen revolutionären (Syndikalistischen, Rätekommunistischen, Basisgewerkschaftlichen etc.) ArbeiterInnen und religiösen und nationalistischen für ein besseres Leben kämpfenden ArbeiterInnen ist seit jeher kompliziert.
 
Iran vor der Revolution ist hier ein interessantes Beispiel. Iran war einerseits neben Israel und Saudi-Arabien einer der drei wichtigsten Pro-westlichen Regime im Mittleren Osten. Wichtig, um den Ölpreis niedrig zu halten und somit lokale ArbeiterInnen Forderungen zu unterdrücken. Andrerseits war die Revolution, oder besser die moslemisch klerikale Konterrevolution, für die arabische, kurdische und persische Welt das was die Russische Revolution für die Europäische war. Sie wurde als „Modell-Revolution“ beworben und wird seitdem von vielen antiimperialistischen und revolutionär moslemischen ArbeiterInnen in diesem Sinne zitiert. Iran entwickelte sich zur strategisch wichtigen Region für die Großmächte (Großbritannien und Russland, später USA) nachdem dort 1908 massive Öl Vorkommen entdeckt wurden.
 
Die iranische Öl Industrie beschäftigte mehr ArbeiterInnen als jede andere Industrie im Mittleren Osten. 1940 arbeiteten 31 500 ArbeiterInnen in der Öl Produktion, der meiste Profit ging aber nach Großbritannien. Um diesen zu sichern, installierten Großbritannien und Russland ein Marionetten-Regime (Shah). Die ArbeiterInnen-Militanz allerdings nahm ebenfalls zu. Die kommunistische Partei Irans kollabierte zwar schon in den 1920ern, aber einige Linke und nationalistische Kräfte konnten dennoch eine industrielle Organisierung auf die Beine stellen: Die von den Kommunisten inspirierten Massenorganisationen und die Nationale Front (ein Zusammenschluss mehrerer mehr oder weniger revolutionärer Parteien). Ein Großangriff der britisch unterstützen Shah-Kräfte trieb die Bewegung ende der 1940er in den Untergrund.
 
Doch trotz der intensiven Aktivitäten der Geheimpolizei begannen militante ArbeiterInnen-Zellen und parallel operierende religiös fundamentalistische Gelehrte besonders während einer Revolte 1963 und wieder in den frühen 1970ern für eine Umwälzung der Verhältnisse zu agitieren.
Die Verschwendungssucht der Shah Pahlavi Dynastie stieß auf Ablehnung in allen Teilen der iranischen Gesellschaft. Sogar in der traditionell regimetreuen Mittelschicht. Im August 1977 leisteten 50 000 SlumbewohnerInnen Widerstand gegen eine gewaltsame Räumung durch die Polizei. Dann, im Dezember massakrierte die Polizei 40 religiöse DemonstrantInnen, woraufhin die Ablehnung in offene Wut um schlug. Streiks und Sabotage nahmen zu, während die Löhne aufgrund des ökonomischen Niedergangs sanken. Der Schah rief das Kriegsrecht aus und am „Schwarzen Freitag“, dem 8.9.1978, erschossen Militäreinheiten tausende DemonstrantInnen.
 
Die aufgebrachten ArbeiterInnen überzogen das Land mit einer Streikwelle. Die Öl-ArbeiterInnen streikten für 33 Tage und brachten die Wirtschaft zum Erliegen. Am 11. Dezember 1978 marschierten 2 Millionen Protestierende in die Hauptsstadt Teheran und forderten die Vertreibung des Shah, das Ende des US Imperialismus und die allgemeine Volksbewaffnung. Soldaten desertierten. Am 16. Jänner 1979 floh der Shah nach Ägypten. Mitte Februar des selben Jahres begann ein Aufstand von Luftwaffekadetten gemeinsam mit Guerilla Einheiten und Mudschahidin (militante Oppositionsbewegung mit säkularen und islamisch sozialistischen Einflüssen)[1], welche die Militärakademie, Armeebasen, das Parlament, Fabriken und Rundfunkstationen überrannten. Das Pahlavi Regime kollabierte und der aus dem Exil zurückgekehrte Ayatollah Khomeini installierte eine Mehrparteien-Übergangsregierung. Aber die Menschen wollten mehr.
 
Frauenorganisationen blühten auf, Bauern besetzten Land und errichteten an manchen Orten kommunale Landwirtschaftliche Räte (Rat = direkt- und basisdemokratisches Entscheidungs- und Ausführungsorgan). Streiks grassierten und ArbeiterInnen übernahmen die Kontrolle über die Fabriken. Ein System von Basisräten, im Persischen „Shoras“, angeknüpft an die Idee der Fabriksräte überzogen das Land. Auf den Feldern, den Fabriken, in den Nachbarschaften, den Schulen und den bewaffneten Einheiten entstanden Shoras. Bewaffnete Nachbarschaftskomitees, die sogenannten „komitehs“ patrollierten in den Wohngegenden, verhafteten Kollaborateure und unterhielten Volksgerichte und Gefängnisse. Es war eine echte ArbeiterInnen-Revolution in der säkulare Revolutionäre und muslimische ArbeiterInnen gemeinsam den kapitalistischen Staat bezwangen. Eine 1. Mai Demonstration wurde in Teheran von 1,5 Millionen ArbeiterInnen abgehalten.
 
Das ehemalige Hauptquartier der von der Geheimpolizei kontrollierten offiziellen Gewerkschaft war von Arbeitslosen besetzt worden und wurde in „Arbeiter-Haus“ umbenannt. Die neue ArbeiterInnen Föderation, welche die alte Gewerkschaft ersetzte, machte sich ein „Iran frei von Klassenunterdrückung“ zum Ziel und rief dazu auf, Räte, gebildet aus ArbeiterInnen aller Fabriken zu gründen.
Aber der von Khomeini angeführte religiös fundamentalistische Klerus fürchtete sich vor der Macht der arbeitenden Klasse und dem Spuk eines inneren Zusammenbruchs des iranischen Kapitalismus. Würde er nämlich zusammenbrechen, könnten sie selbst sich nicht als herrschende Elite anstelle des Shah etablieren. Es wäre kein Profit vorhanden, den sie von den ArbeiterInnen stehlen könnten. Drei Tage nach dem Aufstand rief die provisorische Regierung die ArbeiterInnen zurück zur Arbeit, aber der Streiks, die Räte und Komitees weiteten sich aus.
 
Einen Monat später erklärte die Regierung die Räte als konterrevolutionär und erklärte, dass ihre minderheitliche bürgerliche Regierung die „wahre islamische Revolution“ sei. Die Räte weiteten sich dennoch aus, sodass die Regierung ein Gesetz erließ, dass die Mitwirkung der Räte im Management unterband. Gleichzeitig sollte umgekehrt das Management aber ein Mitspracherecht in den Räten haben. Die Rätebewegung erreichte ihren Höhepunkt im Juli 1979. Aber die Offensive der Regierung, kombiniert mit der mangelnden Erfahrung der „Linken“, forderten ihren Tribut. Die Nationale Front, die Massen und linke und muslimische Mudschahidin stützten die provisorische Regierung in dem Irrglauben, dass eine iranisch klerikal dominierte Bourgeoisie besser sei als eine imperialistisch unterstützte Pahlavi Dynastie.
 
Khomeini gründete die fundamentalistische Iranisch republikanische Partei (IRP) um die Oppositionsparteien aus der provisorischen Regierung zu drängen. Zur gleichen Zeit gründete er die Revolutionsgarden (Pasdaran), eine politische Polizei, die den Einfluss der säkularen Linken in den Komitees zurückdrängen sollte. Schnell begann die Pasdaran die Räte gewaltsam zu bekämpfen, die Komitees zu eliminieren, kurdische Separatisten und Frauenorganisationen zu unterdrücken. Gleichzeitig wurde die Partei Gottes (Hezbollah) erschaffen, welche vor allem als Streikbrecher und Schläger auftraten. Durch ein staatliches Programm drängte die IRP den Einfluss militanter Gelehrter zurück und ersetzte sie durch fundamentalistische Gelehrte und Islamgesellschaften. Dies geschah vor allem, um die kapitalistische Wirtschaft wieder aufzubauen (begleitet von den für faschistische Regime üblichen populistischen antikapitalistischen Parolen). Die echte ArbeiterInnen-Revolution wurde niedergemacht und für die iranischen ArbeiterInnen, egal ob säkular oder muslimisch, begann eine lange Zeit der Unterdrückung unter einem neuen autokratischen Regime.
 
Das fundamentalistisch klerikale Regime hat die ArbeiterInnen nicht befreit, es hat lediglich neue Formen der kapitalistischen Ausbeutung und staatlicher Repression geschaffen. Die Lehre aus der iranischen Revolution ist wohl, dass ArbeiterInnen niemals Kräften vertrauen dürfen, ob religiös oder nicht, die zwar revolutionäre Reden schwingen, aber deren eigentliches Ziel Klassenherrschaft ist.
 
Was uns die bürgerlichen Medien mit ihren heuchlerischen Appellen gerne verschweigen ist, dass auch in den letzten Jahren vor allem der Klassenkampf sehr intensiv geführt wurde. Zu erwähnen ist hier vor allem der von 100 000 LehrerInnen durchgeführte Streik im März 2007, welchem sich tausende Fabriken solidarisch anschlossen. Während des Streiks gab es 1000 Verhaftungen. Es war der größte dokumentierte ArbeiterInnenkampf seit 1979. Ihm folgten in den nächsten Monaten Kämpfe in der Zuckerindustrie, der Reifenindustrie, der Auto- und Textilindustrie in die ebenfalls tausende ArbeiterInnen involviert waren. Natürlich sind auch im Rahmen der aktuellen Proteste ArbeiterInnen auf den Straßen, wenn auch noch nicht als kollektive Kraft, sondern als Individuen. Es gibt allerdings schon politische Streiks, so z.B. bei  IranKhodor“, dem größten Automobilwerk Irans.
 
Das brutale Auftreten des Regimes anlässlich der aktuellen Proteste geschieht wohl auch in dem Wissen, dass die ArbeiterInnen - einmal ihrer Stärke bewusst – nicht nur in der Lage dazu sind, dem Regime den Garaus zu machen, sondern mehr noch, sich ein Leben unter eigner Führung aufbauen können (wovor natürlich auch die politischen Cliquen im „Westen“ einen Horror haben). Das neuerdings Gönnerhafte Auftreten des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der nun erklärt, DemonstrantInnen freilassen zu wollen, wird seiner Bande von Unterdrückern vielleicht etwas Luft verschaffen. Allerdings, was die Bevölkerung des Iran gerade in den Straßen ausdrückt, nach einer Wahlfarce, wie wir sie auch von anderswo kennen, ist vor Allem der Durst nach Freiheit, Gleichheit und Befreiung, welchen keine gewählte Regierung an der Macht je wird befriedigen können.
 
Paradox ist auch, dass während anscheinend in Europa und den USA eine immer größer werdende Zahl von Menschen ein Mehr an Überwachung, staatlicher Unterdrückung und Entdemokratisierung akzeptiert und Dummheiten bis hin zu vereinzelten Rufen nach der "starken Hand" fordert, umgekehrt eine wachsende Zahl von Menschen in Diktaturen wie dem Iran und China genau diesen Mist loswerden will - ja, mitunter bereit dazu sind, dafür zu sterben. Das sollte uns ArbeiterInnen gerade in der momentanen Krise eine Mahnung sein!
 
Lasst uns hoffen, dass die mobilisierte iranische Bevölkerung siegreich aus diesem Kampf hervorgehen wird. Ohne zu vergessen, dass wirkliche Freiheit nicht heißt, den/die “richtigeN” PolitikerIn oder den “richtigen” Mullah zu wählen, sondern die Kontrolle über die Macht, eigene Entscheidungen zu treffen, zurückzugewinnen, und Selbstorganisierung!
 
Es rettet uns kein höh'res Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun
Uns aus dem Elend zu erlösen
können wir nur selber tun!


[1] Nicht zu verwechseln mit afghanischen und bosnischen DschihadistInnen, welche sich ebenfalls Mudschahidin nennen.